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Ob seiner Meisterschaftserfolge als Celtic gilt Bill Russell als größter Gewinner in der Geschichte des US-amerikanischen Ballsports. In Boston steht eine lebensgroße Ehrenstatue des Hall of Famers; als altersmilder Gründervater ist er gefragt, in den Arenen der Association ein gerne gesehener Gast. Seine einst revolutionäre Wirkkraft kommt indes nur sehr spärlich zur Sprache. Ein guter Grund, um hier sein übersportliches Wirken zu besprechen und gegen die Weißwaschung eines politischen Athleten anzuschreiben.

Text: Christian Orban

Elf NBA-Titel in dreizehn Profijahren (1956-1969), dabei acht Finaltriumphe und zehn Finaleinzüge in Folge, fünf MVP-Auszeichnungen, zwölf All-Star-Nominierungen, zwei NCAA-Meisterschaften mit der University of San Francisco (1955, 1956) sowie Olympia-Gold mit Team USA bei den Spielen von Melbourne (1956) – William Felton Russells basketballerische Karriereerfolge lesen sich eindrucksvoll. Zu Recht darf der Ausnahmekönner als großer Gewinner gelten. Ein Label, das in den USA nur allzu gerne verliehen wird.

Derweil fungiert seine Erfolgsgeschichte fast immer als eindimensionale Meistererzählung voller Rekorde und Superlative, die der vielgestaltigen Lebensleistung des heute 82-Jährigen kaum gerecht wird. Gewiss, seine unerreichte Erfolgsbilanz unterstreicht seine sportliche Dominanz, jedoch ohne diese auszubuchstabieren. Überdies bleibt Russells übersportliche Relevanz meist unausgesprochen.

Seine defensive Meisterhaftigkeit etwa, verhalf den Celtics nicht „nur“ zu elf Meisterschaften, vielmehr veränderte sie das Spiel nachhaltig. Durch sie trug der prototypische Teamspieler dazu bei, den Basketball zu einem schnelleren, athletischen und attraktiven Sport zu machen. Auch seine Präsenz als politischer Athlet, seine unmissverständliche Selbstachtung und sein schwarzer Stolz waren von Gewicht. Männlichkeit und Persönlichkeit nannte Russell seinerzeit als Erfolgsgaranten. „We see each other as men. We judge a guy by his character“, ließ er nach dem letzten Titelgewinn (1969) verlauten.

Wegbereiter

Sicher, Russell hob die Rassentrennung in der NBA zwar nicht auf – dies leisteten 1950 die afroamerikanischen Pioniere Earl Lloyd, Chuck Cooper und Nat „Sweetwater“ Clifton –, doch integrierte er die Liga, während er das Spiel revolutionierte. Er war der erste afroamerikanische Ausnahmespieler, der die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich und als Franchise Player sein Team mit sich zog. Russell war der Defensivanker und Grundpfeiler der Celtics-Dynastie, die das brüderlich soziale Versprechen der Bürgerrechtsbewegung exemplarisch einlöste. Wechselseitige Wertschätzung und Verbundenheit herrschten im kultivierten Kelten-Kollektiv unter Patriarch Red Auerbach vor. Afroamerikaner wie Sam Jones, K.C. Jones, Tom „Satch“ Sanders und Willie „The Whale“ Naulls erhielten ihre Chance. Als wichtige Zahnräder agierten sie in der von Auerbach konstruierten und durch Russell angetriebenen Celtics-Maschine.

Als ausbalancierte Vorzeigemannschaft verkörperten sie die Sozialvision der harmonischen Zusammenarbeit grundverschiedener Menschen – die überaus erfolgreich Tempo-Teambasketball zelebrierten. Gemeinschaftlich schrieben sie während der umkämpften Phase der Bürgerrechtsbewegung eine amerikanische Wohlfühlgeschichte. Vorbildhaft veranschaulichten Russells Championship-Celtics für viele geräuschlos gelebte Integration.

Russell selbst repräsentierte durch sein Auftreten und Aussehen die zusehends aufscheinende Verbindung von Basketball und Schwarzsein. In kultureller wie politischer Hinsicht. Zumal er zugleich weiß getünchte Ideale des Ballsports – Selbstlosigkeit und Hingabe, Integrität und Spielintelligenz – wiederholt vorlebte. Auch zum Leidwesen seines engen Freundes Wilt Chamberlain, der den Russell-Celtics im Meisterschaftsrennen mit seinen Warriors, Sixers und Lakers (1967 ausgenommen) unterlag.

Überdies machte Auerbach seinen Führungsspieler 1966 zum ersten schwarzen Coach in der Association. Als Spielertrainer errang Russell mit den Kelten in drei Jahren zweimal den Titel. Im Profibasketball trat er als Türöffner für Gleichheit und Teilhabe ein, wovon etwa Lenny Wilkens (1969, SuperSonics) und Al Attles (1970, Warriors) als ihm nachfolgende afroamerikanische Headcoaches profitierten.

Politischer Athlet

Dabei war und ist der Vorkämpfer keineswegs einfach einordenbar. Russell handelte innerhalb schrittweise integrierter Institutionen, unterdessen er die Doppelmoral und -standards des (Sport)Establishments herausforderte. Prinzipientreu kam er für viele Beobachter und Berichterstatter als mürrisch finster dreinblickend und unnahbar thronender Querdenker daher. Als unangepasster Unruhestifter, der den Status quo unterminierte.

Schließlich brach Russell mit den Erwartungen des Mainstreams, womit er der Bewunderung der Massen entsagte. Der von schwarzen Athleten eingeforderten Dankbarkeit und Unterwürfigkeit erteilte er eine klare Absage, die seinerzeit seine Umstrittenheit und eben nicht die Fanliebe begünstigte. Stattdessen nutzte er sein Forum und seinen Status, und prangerte das rassistische Sozialklima in Boston an. Er brachte sich gesellschaftspolitisch ein, hinterfragte das Mantra des gewaltlosen Bürgerrechtsprotests und zog die positive soziale Kraft des Sports in Zweifel.

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