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Chris Paul gilt aktuell als bester Point Guard der NBA. Er versteht das Spiel, ist pfeilschnell und hat dennoch die volle Kontrolle. Der Aufbau der L.A. Clippers kann sowohl offensiv wie defensiv dominieren. Dabei fing vor über 20 Jahren alles ganz klein an.

Text: Gerrit Lagenstein
 

I was seven years old

When I got my first pair

And I stepped outside

And I was like, Momma

This air bubble right here

It’s gonna make me fly

I hit that court

And when I jumped, I jumped

I swear I got so high

I touched the net, Mom I touched the net

This is the best day of my life.

Nun ist nicht überliefert, wann er seine ersten Basketball-Schuhe bekam, und doch passt der Beginn von Macklemore und Ryan Lewis Lied Wing$ gut zum jungen Chris Paul. Sein Vater brachte ihm und seinem älteren Bruder C.J. den Sport mit dem orangefarbenen Leder nahe. Chris erwies sich als äußerst fähig und doch zögerte er, als er sich auf der High School für das Basketballteam bewerben wollte. Der Grund? Chris Paul war zu diesem Zeitpunkt nur 1,55 Meter groß.

Er hatte schlicht Angst, wieder für zu klein gehalten zu werden – eine Kritik, die ihn selbst bis in die NBA verfolgte. Die geringe Körpergröße hatte und hat auch immer noch ihre Vorteile. Kaum ein Gegenspieler konnte mit Paul mithalten. Er war einfach zu schnell, offensiv wie defensiv. Daher motivierten ihn seine Eltern und vor allem sein Großvater Nathaniel Jones, nicht aufzugeben und seinen Stärken zu vertrauen.

Genau das tat Paul an der West Forsyth High School in Clemmons, North Carolina dann auch – mit außergewöhnlichem Erfolg. „Er war sehr klein und jeder auf dem Feld war größer als er, aber niemand hatte ein größeres Herz“, blickt sein Bruder C.J. auf diese Zeit zurück. Die Kritiker sollten vorerst verstummen. Nach zwei Jahren im Junior Varsity Team legte CP3 in seiner dritten Saison 25 Punkte, 5,3 Assists und 4,4 Steals im Schnitt auf – im ersten Team wohlgemerkt.

61 Punkte

Der einzige Vorwurf, den man Paul machen konnte, war seine Uneigennützigkeit. Der Point Guard machte zwar bereits eine Menge Punkte, doch seine überragenden Basketballfähigkeiten hätten ihm noch eine deutlich bessere Ausbeute bescheren können. Paul verstand seine Rolle jedoch anders. Er wollte kein wurfwütiger Guard werden, der aufgrund seiner Größe auf der Eins festhing. Chris Paul wollte das Spiel lenken und denken.

Da er selbst so gefährlich war, schaffte er Räume für seine Teamkameraden. Hohe Assistzahlen waren vorprogrammiert. Ein Spiel sollte es allerdings geben, in dem Paul wortwörtlich scorte bis zum Umfallen. Es geschah allerdings unter traurigen Vorzeichen. Am 15. November 2003 wurde sein geliebter Großvater Nathaniel, den Paul liebevoll „Papa Chilly“ nannte, von mehreren Teenagern zu Tode geprügelt.

Auf die Frage, was er denn nun ohne einen der wichtigsten Menschen in seinem Leben tun sollte, antwortete seine Tante, er solle im nächsten Spiel 61 Punkte für die 61 Lebensjahre Nathaniels erzielen. Gesagt, getan: Pauls Teamkameraden staunten nicht schlecht. Ihr Point Guard zog wie sonst aggressiv zum Korb. Anstatt den Ball dann aber durchzustecken, schloss er konsequent selbst ab.

„Es war, als hätte ich sterben können.“

So hatte Paul zwei Minuten vor Schluss 59 Zähler auf dem Konto. Er nahm den nächsten Wurf und obwohl er ein hartes Foul einstecken musste, traf er nichts als Nylon. Es war vollbracht. „Ich ließ den Ball los, wurde gefoult  und der Ball ging rein“, beschrieb Chris Paul die Szene im Nachhinein. Dazu fügte er an: „Ich lag drei Sekunden auf dem Boden und war einfach nur überwältigt, weil ich sofort wusste, dass ich diesen Augenblick nie vergessen würde. Es war, als hätte ich sterben können und wäre direkt in den Himmel gekommen.“

Den anschließenden Freiwurf verwirft Chris Paul absichtlich, bevor er das Spielfeld verlässt und weinend in den Armen seines Vaters zusammenbricht. Es ist eine Geschichte, die den jungen Basketballer noch vor seiner großen Karriere landesweit bekannt macht.

Die Zeit an der nahe gelegenen Wake Forest University verläuft weniger spektakulär. Jeder Punkt, Assist, Rebound oder Steal muss härter erkämpft werden. Pauls Gegenspieler sind besser geworden und größer dazu allemal. In der Atlantic Coast Conference wird er dennoch zum Rookie of the Year ausgezeichnet. Es ist der gerechte Lohn für 14,8 Punkte, 5,9 Assists und 2,5 Steals im Schnitt.

Kluger Kopf, nicht nur auf dem Spielfeld

In etwa die gleichen Zahlen legt er auch in der darauffolgenden Saison auf. Mit dem NCAA-Titel haben seine Demon Deacons aber nichts zu tun. 2004 scheitert das Team an St. Joseph’s im Sweet Sixteen. Ein Jahr darauf ist schon eine Runde früher Schluss. Der letzte Eindruck von Chris Paul am College ist daher nicht der beste. Besonders sein Schlag in die Leistengegend von Julius Hodge im letzten Vorrundenspiel kostet ihn zwischenzeitlich einiges an Kredit.

Mit seinem Auftreten abseits des Feldes macht er den schlechten Eindruck aber mehr als weg. Paul ist keiner dieser Spieler, die nur wegen des Basketballs aufs College gehen. Er will sich auch bilden und liefert gute Noten. Sein Notenschnitt (GPA) von 3,21 bringt ihn in das von ESPN gekürte „Academic All-American Team“, in dem Studenten geehrt werden, die sowohl im Sport als auch im Unterricht hervorragende Leistungen vollbringen. Auch sein Head Coach Skip Prosser weiß CP3s außersportlichen Aktivitäten zu schätzen: „Wenn Chris Paul in Wake Forest nie eine Minute Basketball gespielt hätte, die Wake Forest University wäre dennoch ein besserer Ort, weil er hier war. Er ist einfach ein guter Junge.“

Seinen Abschluss macht Paul aber nicht. Er fühlt sich bereit für die NBA und meldet sich zur Draft an. An Nummer vier und als zweiten Point Guard nach Deron Williams auf der Drei sichern sich die New Orleans Hornets seine Rechte. An Basketball ist 2005 in Louisiana aber nicht zu denken. Der Bundesstaat liegt nach Hurrikan Katrina in Trümmern. Die Mehrheit der Spiele wird in Oklahoma City ausgetragen.

The Rise of a Superstar

Ohne wirkliche Heimspielstätte kämpfen sich die Hornissen zu einer durchaus beachtenswerten Bilanz von 38-44, erzielen in der Saison aber auch einen Negativrekord für die wenigsten Punkte in einer Hälfte. Am 1. März bringt es New Orleans gegen die Clippers in Viertel drei und vier zusammen auf gerade einmal 16 Punkte. An Paul, der für einen Rookie auf beachtenswerte auf neun Punkte, zwölf Assists und acht Rebounds kommt, liegt es nicht.

Insgesamt sind legt Paul als Ligafrischling 16,1 Zähler sowie 7,8 Korbvorlagen auf. In beiden  Statistikkategorien ist er am Saisonende der bestplatzierte Rookie. Bei den Steals (175 insgesamt)  liegt er sogar ligaweit vorne – als erst zweiter NBA-Neuling der Geschichte. Seine Spielweise erklärt er dabei selber so: „Ich versuche zum Korb zu ziehen wie Steve Nash, zu passen wie Jason Kidd und den Ball zu behandeln wie Allen Iverson.“ Paul legt nicht nur einfach dieselben Zahlen wie am College auf, er erhöht diese Werte sogar. Selbst die Wurfquote (43,0 FG%) stimmt. Nur der Dreier ist mit 28,2 Prozent noch etwas wackelig. Doch auch das wird sich in den nächsten Jahren ändern.

Folglich wird Paul nicht nur als bester Rookie ausgezeichnet, sondern mit 21 Jahren auch gleich für das Nationalteam nominiert. Inzwischen ist CP3 1,83 Meter groß und wiegt 79 Kilo. Das ist zwar immer noch etwas unter Gardemaß, aber für zu klein oder zu leicht hält ihn kaum noch jemand. Bei der WM 2006 in Japan spielt er die drittmeisten Minuten im Team USA. Einen Titel kann Paul aber auch hier nicht gewinnen. Die Niederlage im Halbfinale gegen Griechenland ist bis heute die letzte für die USA in einem Pflichtspiel.

„Chris will weg“

Als Mitglied des sogenannten Redeem Team (Wiedergutmachung nach dem katastrophalen Auftritt 2004) holen sich die Vereinigten Staaten mit Chris Paul als Aufbauspieler Gold bei den Olympischen Spielen 2008 und 2012. Längst ist er in der NBA nicht nur zum All Star, sondern auch zum Superstar geworden. Viele halten ihn inzwischen für den besten Point Guard der Liga. Der legendäre Isiah Thomas geht sogar noch eine Stufe weiter, als er sagt: „Ich war nie so gut wie Chris.“ 2008 muss Paul sich nur Kobe Bryant im MVP-Rennen geschlagen geben. Bei all den individuellen Auszeichnungen vergisst man aber schnell, dass auch der tiefste Playoff-Run der Hornets im selben Jahr nur in die zweite Runde führt.

Betrübt darüber zu den besten Spielern der Liga zu gehören, aber mit der Vergabe der Meisterschaft nichts zu tun zu haben, stellt Paul dem Management im Sommer 2010 ein Ultimatum. Entweder ihm werden fähige Mitstreiter zur Seite gestellt oder er soll getraded werden. Aus Pauls Umfeld heißt es: „Er will weg. Er will LeBrons Modell nachmachen und mit einem anderen Superstar in einem Team spielen“. Bis es soweit kommen wird, soll es aber noch eine Saison und einen Lockout dauern.

Liga und Spielergewerkschaft können sich auf keinen neuen Tarifvertrag einigen. Während die Besitzer maulen, sie würden aufgrund der hohen Spielergehälter Millionenverluste machen, wollen die NBA-Profis ihren gerechten Anteil an den Milliardeneinnahmen aus Fernsehverträgen und Merchandising bekommen. In Folge der gescheiterten Verhandlungen läuft das Collective Bargaining Agreement im Sommer 2011 aus. Die Clubs sperren ihre Akteure aus.

Die Geburtsstunde von Lob City

Als die Saison schon auszufallen droht, wird Anfang Dezember eine Einigung getroffen. Chris Paul hat aber keinerlei Absicht nach New Orleans zurückzukehren. Das dortige Front Office erkennt die Lage und beginnt einen Trade auszuloten. Nach Los Angeles soll es gehen. Die Clippers sind aber zunächst nur die zweite Wahl. Die Hornets und die Lakers sind sich eigentlich schon einig. Im Tauschgeschäft, an dem auch Houston beteiligt gewesen wäre, soll Pau Gasol zu den Rockets wechseln, Kevin Martin, Luis Scola, Lamar Odom und Goran Dragic nach Louisiana. Doch die NBA schiebt dem einen Riegel vor.

Die Liga ist der aktuelle Besitzer der Hornets und hält den Trade angeblich für nicht gut genug. „Wir haben frei vom Einfluss anderer Teambesitzer entschieden, dass das Team besser dran ist, wenn Chris ein Hornets-Trikot trägt, als wenn es die Zugänge des Trades tun würden“, versucht der damalige Commissioner David Stern, das Veto zu erklären. Vier Tage später steht Paul dennoch in der Engelsstadt unter Vertrag – nur eben bei den Clippers, der ehemaligen Lachnummer der Liga. Es ist die Geburtsstunde von Lob City.

Mit Blake Griffin und DeAndre Jordan stehen bei den Clippers zwei Athleten vor dem Herrn im Kader. Der neue Point Guard muss den Ball nur Richtung Korb schmeißen. Die beiden Big Man verwerten die Zuspiele reihenweise spektakulär per Slam Dunk. Das Trio führt die Franchise zu ihrer besten Bilanz jemals. Nach einem hauchdünnen 4-3-Erfolg in der ersten Runde der Playoffs zeigen die San Antonio Spurs der Highlight Truppe aber gehörig die Grenzen auf. Die Clippers werden gesweept.

Der Chef ist ein Rassist 

Ein Jahr später beendet Lob City die reguläre Saison mit einer noch besseren Bilanz. Die 56 Siege bedeuten den ersten Division Titel der Teamgeschichte. Trotz des damit verbundenen Heimvorteils ist in der Postseason bereits in der ersten Runde Schluss. Die Memphis Grizzlies rächen sich für die Niederlage 2012. Der einzige Trost für Chris Paul ist, dass die Stadtrivalen von den Lakers trotz ihrer hochkarätigen Neuzugänge Steve Nash und Dwight Howard hinter den Clippers in der Abschlusstabelle stehen. Die vor zwei Jahren noch belächelte Franchise scheint den 16-fachen Meister als Nummer Eins in Tinseltown abgelöst zu haben.

Die Prominenz der Stadt kommt spätestens ab der Saison 2013/14 ins Staples Center, wenn dieses rot, blau und weiß gefärbt ist. Mit Rollenspielern wie Jamal Crawford oder J.J. Redick setzt sich das Team in der Spitzengruppe der Western Conference fest. Der neue Head Coach Doc Rivers ist zuversichtlich, dass dieses Jahr weit gehen kann in den Playoffs. Doch es soll wieder ganz anders kommen. Die Klatsch- und Tratsch-Internetseite TMZ veröffentlicht am 25. April ein Telefongespräch von Teambesitzer Donald Sterling, der seiner Geliebten unmissverständlich zu verstehen gibt, sie solle keine Schwarzen mit zu seinen Spielen bringen.

Der Aufschrei ist groß. Sterling wurde schon in der Vergangenheit des Öfteren vorgeworfen ein Rassist zu sein doch nie konnte dies so klar bewiesen werden, wie mit dem zugegebenermaßen illegal in die Öffentlichkeit geratenen Telefongespräch. Ob es an der Ablenkung durch die Causa Sterling liegt oder daran, dass die Oklahoma City Thunder einfach besser waren, in den Conference Semifinals ist wieder Schluss.

Die Hardcore Clippers

Chris Paul und Doc Rivers geben in Folge dessen bekannt, dass sie nicht weiter für die Clippers arbeiten werden, solange Sterling ihre Gehaltschecks unterzeichnet. Der 80-jährige wurde zwar bereits aus der Liga verbannt, doch vor Gericht wehrt er sich noch gegen den Verkauf seines Teams. Nachdem seiner Frau Shelly am 28. Juli vor Gericht Recht gegeben wird, kann die Franchise am 12. August schließlich aber für astronomische zwei Milliarden US-Dollar in den Besitz von Ex-Microsoft-CEO Steve Ballmer übergehen.

Bei der Saisoneröffnungsveranstaltung spuckt der neue Chef im Haus gleich große Töne: „Wir werden mutig sein. Das heißt Chancen zu nutzen. Wir werden optimistisch sein. Wir werden hardcore sein. Nichts stellt sich uns in den Weg, boom! Die Hardcore Clippers, das sind wir“. Mit Spencer Hawes wurde in der Tat die große Baustelle des Backups auf den großen Positionen behoben. Sollte es dann tatsächlich für die Larry O’Brien Trophy reichen, so wäre dies für Chris Paul wohl ebenso emotional wie der erste Sprung ans Netz. Der Kleine würde ganz oben stehen.

Für den Rest der Liga könnte er 2017 zum Helden werden. Dann läuft der Tarifvertrag der Liga erneut aus. Paul ist mittlerweile Präsident der Spielergewerkschaft NBPA. Kann er bis dahin einen weiteren Lockout in den Verhandlungen verhindern, würden ihm wohl nicht nur die Fans des spektakulären Basketballs zu Füßen liegen.

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